
Boehringer übernimmt Schweizer Pferde-Biotech Evax
Therapeutische Impfstoffe gegen allergische Hauterkrankungen bei Pferden sollen das Tiergesundheitsportfolio des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim erweitern. Die Übernahme knüpft an eine bereits etablierte Strategie rund um VLP-basierte Impfstofftechnologien an, und wieder greift Boehringer bei einem Schweizer Start-up aus der Region Zürich zu.
Boehringer Ingelheim baut sein Geschäft mit innovativen Therapien im TIerreich aus, diesmal für Pferde: Der Pharmakonzern hat die Schweizer Biotech-Firma Evax AG übernommen. Das Unternehmen entwickelt therapeutische Impfstoffe gegen Erkrankungen, bei denen es bislang nur begrenzte Behandlungsmöglichkeiten gibt – insbesondere allergische Hauterkrankungen bei Pferden. Über den Kaufpreis machten die Parteien keine Angaben.
Zürich kann Tier-Start-ups
Evax ist vor mehr als zehn Jahren aus der Universität Zürich hervorgegangen. Im Mittelpunkt steht eine Technologie auf Basis virusähnlicher Partikel (Virus-like Particles, VLPs). Diese dienen als Träger für Zielstrukturen, gegen die das Immunsystem des Tieres eine spezifische Antikörperantwort aufbaut. Anders als klassische Impfstoffe sollen die Präparate nicht primär vor einer Infektion schützen, sondern eine bereits bestehende Erkrankung therapeutisch beeinflussen.
Bei allergischen Hauterkrankungen von Pferden ist das besonders interessant. Die derzeitige Behandlung ist häufig aufwendig und muss wiederholt werden; dazu gehören etwa Shampoos und andere lokale Anwendungen. Auch systemische Therapien wie Kortikosteroide können mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sein. Evax verfolgt dagegen den Ansatz, gezielt in die zugrunde liegenden immunologischen Mechanismen einzugreifen.
Dass die Technologie mehr als ein theoretisches Konzept ist, zeigen bereits wissenschaftliche Arbeiten aus dem Umfeld des Unternehmens. In einer kleinen Fallserie wurden Pferde mit chronischem Juckreiz mit einem VLP-basierten Impfstoff gegen Interleukin-31 behandelt. Bei allen vier behandelten Tieren verbesserten sich die klinischen Symptome und das Kratzverhalten; zugleich wurden keine Sicherheitsprobleme beobachtet. Die Autoren wiesen allerdings ausdrücklich auf die geringe Zahl der Tiere und das Fehlen einer Kontrollgruppe hin.
Auch eine frühere Studie untersuchte eine aktive Impfung gegen Interleukin-5 zur Behandlung der bei Pferden verbreiteten Insektenstich-Überempfindlichkeit. Antonia Fettelschoss-Gabriel, Gründerin und CEO von Evax, war an dieser Forschungsarbeit beteiligt.
Strategische Fortsetzung
Für Boehringer ist die Übernahme weniger ein isolierter Zukauf als eine Fortsetzung einer bereits eingeschlagenen Linie. Erst 2024 hatte der Konzern mit Saiba Animal Health ebenfalls ein Spin-off der Universität Zürich übernommen. Saiba entwickelt VLP-basierte therapeutische Impfstoffe gegen chronische Erkrankungen bei Haustieren, darunter Allergien, Entzündungen und Schmerzen. Der Übernahme waren mehrere Jahre der Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen vorausgegangen.
Die technologische Parallele ist offensichtlich: Auch bei Saiba sollen VLPs das Immunsystem dazu bringen, neutralisierende Antikörper gegen körpereigene krankheitsverursachende Proteine zu bilden. Boehringer sieht darin die Möglichkeit, länger anhaltende und spezifischere Therapieeffekte zu erzielen als mit herkömmlichen Behandlungen.
Mit Evax erweitert der Konzern diese Plattform nun auf Pferde. „Wir freuen uns über die Möglichkeit, Pferdehaltern die erste innovative therapeutische Option gegen allergische Hauterkrankungen anzubieten, die auf die zugrunde liegende Ursache der Erkrankung zielt“, sagte Saskia Kley, Global Head of Equine bei Boehringer Ingelheim.
Für Evax bedeutet die Integration Zugang zu den Entwicklungs-, Produktions- und Vermarktungsstrukturen des weltweit tätigen Tiergesundheitsgeschäfts. „Wir freuen uns, Teil von Boehringer Ingelheim Animal Health zu werden und dessen Innovations-, Liefer- und kommerzielle Expertise zu nutzen“, sagte Evax-Gründerin Antonia Gabriel.
Boehringer bleibt in Tiergesundheit groß
Boehringer sieht in der VLP-Technologie zudem Potenzial über die aktuelle Anwendung hinaus. Knut Elbers, Head of Global Innovation Animal Health, verwies auf mögliche Einsatzgebiete bei chronischen Erkrankungen von Haustieren und allergiebedingten Erkrankungen bei Pferden. Damit entsteht innerhalb des Tiergesundheitsgeschäfts ein technologischer Schwerpunkt, der über klassische prophylaktische Impfstoffe hinausgeht: Das Immunsystem soll nicht nur auf einen Erreger vorbereitet, sondern gezielt zur Behandlung chronischer Erkrankungen genutzt werden.
Mit fast 5 Mrd. Euro Umsatz im Bereich Tiergesundheit (2025) gehört Boehringer Ingelheim zu den Großen in diesem Segment. Auch dort gibt es in seltenen Fällen Blockbuster wie das Floh- und Zeckenmittel NEXGARD® (Umsatz 2025 von 1,4 Mrd. Euro). Boehringer sieht die Tiergesundheit auch als einen Stabilitätsanker im von Patentabläufen stärker betroffenen Humanarzneimittelgeschäft, in den vergangenen Jahren trug das Segment ein stabiles Wachstum von 4-7% zum Konzernergebnis bei.

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